Einschlafen: ein Ziel, zwei gegensätzliche Methoden

Kind mit weißer Decke

Einschlafen: ein Ziel, zwei gegensätzliche Methoden

Wie bringe ich mein Kind zum Einschlafen? Allein oder mit Begleitung?

Wie bringe ich mein Kind zum Einschlafen? Unzählige Ratgeber, Foren und Experten setzen sich in teilweise hitzigen Diskussionen mit dieser Frage auseinander, unterm Strich (und auf das Wesentliche reduziert!) aber lassen sich alle Antworten darauf zwei gegenläufigen Methoden zuordnen: Lasse ich mein Kind selbstständig einschlafen oder unterstütze ich es aktiv, bis es eingeschlafen ist?

Zwei populäre Ratgeber vertreten jeweils eine der beiden Methoden, zum einen das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ von der Psychologin Annette Kast-Zahn und dem Kinderarzt Harmut Morgenroth und zum anderen „Schlaf gut, Baby“ von der Familienjournalistin Nora Imlau und dem Kinderarzt Herbert Renz-Polster. Interessant – und zugleich symbolisch für die gegenläufigen Meinungen der Leser – ist, dass beide Ratgeber in ein und demselben Verlag (GU) erschienen sind

„Jedes Kind kann schlafen lernen“: das Schlaflernprogramm

Wie genau also funktionieren die beiden Ansätze? Beginnen wir mit der Methode, die auf der Annahme aufbaut, dass ein Kind selbstständig, also ohne die Hilfe zu einer Bezugsperson einschlafen kann. Der Ansatz nimmt in Kauf, dass das Kind durch Schreien die Nähe einfordern, aber nicht erhalten wird. Auf diesem klassischen „Schreienlassen“ beruhen verschiedene Schlaflernprogramme, die sich auf den Kinderarzt Richard Ferber zurückführen lassen. Dieser hat in den 1980er Jahren die These beschrieben, dass

„das Kind lernt: „Wenn ich schreie, bekomme ich meinen Willen.“ Bleibt die gewohnte Zuwendung dagegen konsequent aus, macht das Kind die Erfahrung, dass Schreien offenbar nicht dazu geeignet ist, das erwünschte Ziel zu erreichen.“ (Jedes Kind kann schlafen lernen, S. 94)

Weinendes Baby im Bettchen

Eltern, die ihrem Kind nach der Methode aus „Jedes Kind kann schlafen lernen“ das Allein-Einschlafen beibringen wollen, sollen nun ihr Baby oder Kleinkind müde, aber wach in sein Bettchen legen und daraufhin den Raum verlassen. Nun wird das Kind höchstwahrscheinlich anfangen zu weinen. Mama oder Papa kommen nach ein paar festgelegten Minuten in das Zimmer zurück, um dem Kind zu zeigen, dass es nicht allein ist. Allerdings sollte es in diesem Schritt nicht auf den Arm genommen und nur durch ruhiges Zureden beruhigt werden. Diese Wechsel von Verlassen des Raumes und Zurückkehren wird mehrmals wiederholt.

„Ganz ohne Protest ändern die Kinder auch bei dieser Methode nur selten ihre Gewohnheiten. Ihr Schreien hält sich jedoch in Grenzen, denn sie werden nicht einfach allein gelassen. Stattdessen bekommen sie regelmäßig Zuwendung von ihren Eltern. Sie bekommen aber nicht genau das, was sie mit dem Schreien erreichen wollen. Und deshalb stellen sie das Schreien bald ein.“ (Jedes Kind kann schlafen lernen, S. 95)

Der Gedanke, ihr schreiendes Kind – wenn auch nur für wenige Minuten – allein zu lassen, ist für viele Eltern nur sehr schwer zu ertragen. Auch die Autoren von „Jedes Kind kann schlafen lernen“ wissen, welchem Stress Eltern und Kind dabei ausgesetzt werden und betonen, dass das Einschlafprogramm nur von Eltern angewandt werden sollte, die sonst keine andere Möglichkeit mehr sehen, ihr Kind zum Einschlafen zu bewegen.

„Schlaf gut, Baby“: der sanfte Weg

Der zweite, sanfte Ansatz, dem das Buch „Schlaf gut, Baby“ folgt, geht vor allem davon aus, dass ein Kind wie jedes andere Säugetier auch, zu Beginn seines Lebens auf den Schutz und die Nähe seiner Eltern angewiesen ist und sie instinktiv einfordert. Auch mit Blick auf andere Kulturen plädiert es dafür, dem Kind die Nähe zu gewähren und es aktiv in den Schlaf zu begleiten. Alle „Einschlafhilfen“, die „Jedes Kind kann schlafen lernen“ vermeiden will, werden hier empfohlen, sei es In-den-Schlaf-Wiegen, Stillen, ein Elternbett oder Sitzen am Kinderbett, bis das Kind wirklich fest eingeschlafen ist.

Einem Hauptargument für die Ferberschen Methoden, dass dem Kind der Wunsch nach Nähe irgendwann nur noch schwer abzugewöhnen sei, begegnen die beiden Autoren mit dem Gegenargument, dass ein Kind mit spätestens zwei oder drei Jahren so selbstständig sei, dass diese „schlechte Gewohnheit“ von selbst weniger fordernd würde. (Ilmau, S.143) Der Hauptfokus dieses sanften Weges liegt also auf einer vertrauensvollen und gegenseitigen Eltern-Kind-Beziehung, die auch grundsätzliche, westlich geprägte Verhaltensmuster und Ansprüche in Frage stellen darf.  

„Der Beziehungsweg ist schwieriger. Da geht es nicht darum, dass wir unsere Interessen gegen die des Kindes durchsetzen. Da geht es nicht um Stärke im Sinne von Überlegenheit und Macht (…). Da geht es um echte Stärke: Wir haben das „System Familie“ im Blick und tun, was es braucht, um unsere gemeinsame Basis zu schützen.“ (Schlaf gut, Baby, S. 79)

Elternebtt mit Baby

Die Beziehung zwischen Eltern und Kind

Auch wenn die Autoren von „Jedes Kind kann schlafen lernen“ in ihrem Buch verdeutlichen, dass ihr Einschlaftraining ein Ausweg aus einer hoffnungslosen Situation sein soll und es durchaus verständlich ist, wenn Eltern es nicht über sich bringen, ihr Kind schreiend allein zu lassen:

„Sie fühlen sich einfach nicht gut dabei, Ihr Kind mehrere Minuten allein in seinem Zimmer weinen zu lassen. Dann können Sie die Zeiten verkürzen.“ (Jedes Kind kann schlafen lernen, S. 101),

und auch, wenn sich die Autoren von „Schlaf gut, Baby“ von einer zu weltfremden Mit-Liebe-klappt-alles-Ebene distanzieren und gewisse stressende Änderungen von Routinen und Gewohnheiten als sinnvoll befinden:

„Nicht jede Änderung wird ohne Tränen zu erreichen sein. Es wird manchmal auch Ärger geben, ein zorniges Hin und Her. Aber solange eine schützende Hülle mit im Angebot ist, wird das Kind keinen Schaden nehmen. Es wird spüren, dass es nicht fallen gelassen wird.“ (Schlaf gut, Baby, S. 79),

lassen sich in den zwei Modellen doch zwei Tendenzen herauslesen, wie eine Eltern-Kind-Beziehung interpretiert werden kann.

Interpretation 1: Erziehung ist ein Machtkampf, bei dem das Kind darauf wartet, die Schwächen seiner Eltern ausnutzen zu können. Deshalb ist es die Erziehungsaufgabe der Eltern, schon früh dagegenzuhalten, damit das Kind weder verwöhnt noch machtgierig wird, „dass Sie sich – auch beim Abendritual – Grenzen setzen und sich nicht zum Spielball seiner kindlichen Launen und Forderungen machen lassen.“ (Jedes Kind kann schlafen lernen, S. 60)

Interpretation 2: Ein Kind drückt immer ein Bedürfnis aus, indem es schreit oder trotzig ist und dieses gilt es zu erkennen und zu erfüllen: „Man kann Kinder nicht verwöhnen, indem man ihre Nöte und Bedürfnisse beachtet!“ (Schlaf gut, Baby, S. 55)

Kurz: Will oder kann ein Kind nicht einschlafen?

Ein Wort zum Schluss

„Jedes Kind kann schlafen lernen“ ist ein Bestseller – und hat gleichzeitig heftige Kritik empfangen, die so weit ging, dass eine Petition die Neuauflage des Buches zu verhindern versuchte. Nach der Lektüre der beiden Bücher wollen wir aber betonen, dass es nicht so unmenschlich ist, wie es manchmal dargestellt wird, und durchaus nach alternativen Möglichkeiten sucht, ein Kind einschlafen zu lassen.

Auch Frau Ilmau räumt auf ihrer Webseite in einem Blog-Artikel über ein Interview mit Frau Kast-Zahn („Was ich von Annette Kast-Zahn übers Ferbern gelernt habe“) ein, dass diese wenigstens in einem Punkt Recht behält: „Es gibt keine einzige Studie, die nachteilige Langzeitwirkungen von Schlaflernprogrammen auf die kindliche Psyche oder die Eltern-Kind-Bindung nachweisen würde.“ Einfluss auf ihre Meinung zu Schlaflernprogrammen hat diese Erkenntnis freilich nicht.

Natürlich haben auch wir von Alcube eine Meinung zu diesem Thema, aber in diesem Artikel wollten wir Euch beide Ansätze ganz objektiv vorstellen. Tatsächlich legen wir Euch die (komplette!) Lektüre beider Bücher ans Herz, da sie gerade wegen ihrer Ambivalenz sehr gut dazu geeignet sind, Euch bei einer Meinungsbildung zu unterstützen. Denn am Ende seid Ihr und Euer Bauchgefühl diejenigen, die entscheiden müssen, welcher Weg für Euch und Euer Kind der richtige ist.

Literatur:

Annette Kast-Zahn, Hartmur Morgenrotz (2016): Jedes Kind kann schlafen lernen, München

Nora Imlau, Herbert Renz-Polster (2019): Schlaf gut, Baby. Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten, München.

2020-12-17 16:57:00 / Schlaf-Ratgeber / Kommentare 0
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